Die Geschichte des Reitervereins Philippsthal

 

Auf Lonies Rücken fing es an: Die Zeit vor der Vereinsgründung

Ende der 1960er Jahre hatten Traktoren die Pferde in der Landwirtschaft in Deutschland nahezu flächendeckend abgelöst. In Philippsthal gab es zu dieser Zeit, wie in meisten anderen osthessischen Dörfern auch, nur noch zwei bis drei Pferde. Besonders ausdauernd in seiner Pferdebegeisterung war Heinrich Niebling, der bis zu seinem Tod im Jahr 2006 immer mindestens ein Pferd im Stall hatte. Um 1970 war das die Stute Lonie, mit der er regelmäßig im Sattel oder mit der Kutsche in Wald und Feld unterwegs war. Auf der Stute durften auch die Kinder aus seiner Nachbarschaft reiten. Diese Reitgelegenheit bildete den Grundstein für die späteren pferdesportlichen Aktivitäten in Philippsthal. In dieser Zeit nämlich entdeckte der Realschullehrer Volker Wimmer, der vor seinem Studium in der Landwirtschaft gearbeitet hatte, seine Liebe zu den edlen Vierbeinern wieder. Im Jahr 1973 kaufte er ein eigenes Pferd, das zunächst im Stall am Lehrerwohnhaus im Kleegarten stand. Der dritte Mann der ersten Stunde war Horst Krause, der anfangs auf den Pferden von Georg Hühne aus Harnrode ritt. Ein kleines Grüppchen von Reitsportinteressierten hatte sich so zusammengefunden. Erste Reitstunden wurden beim benachbarten Reit- und Fahrverein Heringen genommen und Volker Wimmer und Horst Krause pachteten die ehemalige Dreschhalle am Werraufer von der Gemeinde, um sie Stück für Stück zum Pferdestall umzubauen. Bald wurde dort am Ufer der Werra auch ein Reitplatz hergerichtet. Die kleine Gruppe Pferdebegeisterter wuchs in wenigen Jahren zur stattlichen Reitergruppe Philippsthal heran, die rechtlich eine Abteilung innerhalb des Reit- und Fahrvereines Heringen bildete. Diese machte dann bald auch mit ersten Veranstaltungen in ihrer Heimatgemeinde auf sich aufmerksam. Waren es am Anfang noch kleine Aktionen wie Ponyreiten beim Philippsthaler Kinderfest oder Wurst- und Suppenverkäufe bei örtlichen Veranstaltungen, um etwas Geld die Kasse zu bekommen, folgten kurz darauf zwei schwarze, also inoffizielle Turniere auf den Wiesen an der Vachaer Straße. Ihren Höhepunkt fanden die Aktivitäten der Reitergruppe Philippsthal in zwei großen offiziellen Turnieren im Schlosspark (bis Klasse M) noch vor der Vereinsgründung in den Jahren 1980 und 1981.

 

In die Hände gespuckt und in die Taschen gegriffen: Von der Vereinsgründung zur eigenen Reithalle

 

Durch die stetig wachsende Mitgliederzahl der Reitergruppe und die steigende Zahl der von ihr in Philippsthal organisierten Veranstaltungen, führte auf die Dauer kein Weg an der Gründung eines eigenen Vereines vorbei. Am 17. September 1981 trafen sich die Reiter aus Philippsthal und aus umliegenden Orten im Hotel Rhönblick und gründeten den Verein mit dem Namen Reiterverein Philippsthal-Hohenroda. Zum ersten Vorsitzenden wurde Volker Wimmer gewählt. Für das Training, besonders in den Wintermonaten, nutzte der Verein die Reithalle des Ferienhotels in Hohenroda. Dort wurden auch Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Diese Zusammenarbeit währte jedoch nicht lange. Bald schon erwiesen sich die Interessen des Ferienhotels und des noch jungen Reitervereins als zu unterschiedlich. Zudem gründeten Pferdefreunde aus der Gemeinde Hohenroda kurz darauf ihren eigenen Reit- und Fahrverein. Der Vereinsname wurde daher in Reiterverein Philippsthal verkürzt. Über kurz oder lang brauchte dieser Reiterverein also eine neue Trainingsstätte. Es gab zwar noch den Reitplatz am Werraufer unweit der Dreschhalle und zusätzlich hatten die Mitglieder einen weiteren Platz für Training und Turniere hinter den Sportplätzen (heutiger Bolzplatz) errichtet. Gerade für die Wintermonate war aber eine Reithalle unverzichtbar. Zur Vereinsgründung hatte der Vorstand vorsorglich und ohne konkretes Projekt einen Antrag auf Fördergelder für ein Bauvorhaben gestellt. Auf Nachfrage erhielt man die Mitteilung, dass der Verein auf der Warteliste weit nach vorne gerückt war. Da diese Gelder anderenfalls verfallen wären, fiel der Entschluss zum Bau einer eigenen Reithalle leichter. Die Angebote, die dafür bei Firmen eingeholt worden waren, überstiegen allerdings, selbst bei einer Kreditaufnahme, die finanziellen Möglichkeiten des Vereines erheblich. Um das Vorhaben dennoch zu verwirklichen, wurde folgende Lösung erdacht: Zunächst sollte nur eine halbe Reithalle gebaut werden, die bei Bedarf später erweiterbar war. Um Kosten zu sparen, entschlossen sich die Mitglieder zudem, die Halle komplett in Eigenleistung zu errichten. Ein geeignetes Grundstück in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Dreschhalle stellte die Gemeinde zur Verfügung. So wurde für jedes Mitglied eine Anzahl von Pflichtarbeitsstunden festgelegt und im Jahr 1984, also nur 3 Jahre nach der Vereinsgründung, ging man ans Werk. Noch im selben Jahr wurde die halbe Reithalle mit den Maßen von 20 mal 20 Metern fertiggestellt. Unter der provisorischen Seitenverkleidung aus Plastikplanen und mit reichlich Glühwein kam man über den ersten Winter. Aber immerhin hatte der Verein jetzt eine eigene Halle, in der bei den Reitlehrern Willi Hieb und Bernd Draude ganzjährig trainiert werden konnte. Der Zufall half dann beim weiteren Ausbau der Anlage: Beim Fertighaushersteller Nordhaus war ein Musterhaus teilweise abgebrannt. Dessen Überreste konnten im Frühjahr 1985 übernommen und daraus in Eigenleistung die Reiterschänke gebaut werden. Zur Finanzierung der Reitanlage hatte der Verein weitere Spenden- und Fördergelder von Bund, Land und Gemeinde erhalten. Im Jahr 1986 wurde schließlich der auch der zweite Bauabschnitt der Halle fertiggestellt. Er umfasste neben der fehlenden Hallenhälfte auch Stallungen, Sattel- und Futterkammer. Nur drei Tage nach Aufstellung des Hallengerüstes war das Dach gedeckt. Am 21. Oktober 1986 wurden die Pferde geschmückt und von der Dreschhalle in den neuen Stall gebracht. Damit war die neue Anlage eingeweiht. In über 5000 unbezahlten Arbeitsstunden hatten die Mitglieder unter anderem 160 Kubikmeter Beton, 1850 kg Eisen, 400 Meter Vierkantholz, 200 Kubikmeter Sand, 4000 Mauersteine, 70 Kg Holzschutzmittel, 8 Eimer Wandfarbe, 970 Stück Rauhspund und unzählige weitere Baumaterialien verarbeitet. Trotz der vielen und harten Arbeit, die damals von den Mitgliedern verrichtet wurde, herrschte eine Aufbruchsstimmung. So wurden auch weitere Lösungen erdacht, um Geld zu sparen: Die Hallenbande aus gebrauchten Förderbändern, oder die Boxen im neuen Stall, deren Stangen man im Wald selbst geschlagen, geschält und zugeschnitten hatte, sind Beispiele dafür. Auch der erste Hallenboden war eine Eigenproduktion aus Sand und Rindenmulch. Beachtlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass von Vorstandsmitgliedern Bürgschaften für die Kredite übernommen wurden, ohne die es trotz der Eigenleistung nicht ging. Auch andere Dinge aus dieser Zeit mögen manchem Pferdebesitzer heute unvorstellbar vorkommen: Wer sein Pferd damals in der Philippsthaler Reitanlage einstellte, musste es dem Verein einmal in der Woche für den Reitunterricht zur Verfügung stellen (für einen Reitschüler seiner Wahl). So wurde die Jugendarbeit des Vereines sichergestellt. Von Anfang an betrachtete man es in Philippsthal als wichtige Aufgabe, den Nachwuchs an den Pferdesport heranzuführen. Bald schon wurden dafür auch zusätzlich die ersten vereinseigenen Schulpferde angeschafft. Wer aber glaubt, das Vereinsleben habe in dieser Zeit nur aus dem Bau der ersten Turniermaßhalle im Besitz eines Vereines im Landkreis bestanden, der irrt. In die gesamten1980er Jahre fallen zahlreiche Aktivitäten: Herbstjagden wurden zunächst von Hohenroda, später von Thalhausen und Philippsthal aus veranstaltet, Trainingstage und bis 1989 große Schlossparkturniere ausgerichtet, der Verein stellte beim Kreisentscheid ein eigenes Vierkampfteam, nahm an Festzügen im Ort teil und veranstaltete ein jährliches Weihnachtsreiten.

Vom Ende der Welt in die Mitte Deutschlands: Der Reiterverein Philippsthal nach der Grenzöffnung

Eine wichtiges Datum für den Verein war, wie auch für die gesamte Region, die Grenzöffnung im Philippsthaler Weidenhain am 12. November 1989. Bisher hatte sich die Reitanlage in äußerster Zonenrandlage befunden. Der Blick vom Vereinsgelände fiel auf Mauer und Wachtürme und eine Grundstücksgrenze bildete gleichzeitig die zwischen beiden deutschen Staaten.

Mit Grenzöffnung und Wiedervereinigung war man nun in die Mitte Deutschlands gerückt. Das bescherte dem Verein großen Zulauf und lange Wartelisten von Reitschülern aus Thüringen. Schon kurz nach der Grenzöffnung hatte man Kontakt zu Reitern aus der thüringischen Nachbarschaft aufgenommen und gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Einige dieser Reiter aus Thüringen traten in der Folgezeit dem Reiterverein Philippsthal bei und blieben ihm teilweise bis heute treu. In den 1990er Jahren wurden mehrere Kreismeisterschaften in der Reithalle ausgerichtet.

Alles Andrea, oder was? Wechsel an der Vereinsspitze

Seit der Gründung hatte Volker Wimmer an der Spitze des Reitervereines Philippsthal gestanden. Im Jahr 2004 vollzog man einen Wechsel. Andrea Biskamp wurde zur neuen Vorsitzenden gewählt und blieb es bis ins Jahr 2006. Volker Wimmer fungierte fortan als zweiter Vorsitzender. Auf Andrea Biskamp folgte im Jahr 2006 Andrea Koch. In die Folgezeit fielen zahlreiche Ereignisse: Die Schnupperkurse, eigentlich nur entstanden, um die klamme Vereinskasse etwas aufzubessern, erwiesen sich als echtes Erfolgsmodell und sorgten für volle Wartelisten. Die schon zuvor mehrfach veranstalteten Tage der offenen Tür wurden von Traktorfreunden um ein Traktortreffen ergänzt und so zu echten Publikumsmagneten. Im September 2006 wurde das 25-jährige Jubiläum des Reitervereins in der Orangerie gefeiert. Mehrfach wurden Herbstritte unternommen. Im Jahr 2009 richtete der Verein erstmals ein Trailturnier aus, ein Jahr später die Kreismeisterschaft Breitensport. Somit wurde ein zusätzliches Angebot für Freizeitreiter geschaffen. Im November 2010 war der Reiterverein Philippsthal Gastgeber der Kreisreiterfete des Kreisreiterbundes Hersfeld-Rotenburg in der Kreuzberghalle im Schlosspark. Mitglieder des Reitervereins Philippsthal waren auch an der Ausrichtung von Wettbewerben des Bundespferdefestivals im September 2011 in Bad Hersfeld beteiligt.

Es lebe der Sport! Eine unvollständige Bilanz

In den 30 Jahren Vereinsgeschichte gingen zahlreiche Reiterinnen und Reiter bei Turnieren für den Reiterverein Philippsthal an den Start und erreichten dabei auch sportliche Erfolge. Eine Statistik darüber wurde leider nie geführt, deshalb dürfte die folgende Aufzählung auch sehr lückenhaft sein: Unter anderem eine Hessische Vizemeisterin im Vierkampf, mehrere Kreismeister in verschiedenen Disziplinen und Leistungsklassen, mehrere Vizekreismeister und Drittplatzierte gingen für den Reiterverein Philippsthal an den Start. Hinzu kommen zahlreiche Sieger und Platzierte bei Turnieren, Breitensportlichen Veranstaltungen und Trailritten. Im Frühjahr 2011 qualifizierte sich die Jugendcup-Mannschaft des Vereins für den Regionalentscheid Kurhessen-Waldeck in Schwalmstadt-Ziegenhain und erreichte dort den vierten Platz. Mehrfach wurden Reiterinnen des Vereines von der Marktgemeinde Philippsthal als "Sportlerin des Jahres" ausgezeichnet.

Mindestens ebenso wichtig wie diese Turniererfolge erscheint allerdings, dass während der vergangenen 30 Jahre mehrere hundert Kinder und Jugendliche auf den Schulpferden des Vereines ihre ersten Reitstunden hatten und ihnen so eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu erschwinglichen Preisen geboten wurde.

Und heute? Eine Bestandsaufnahme

Derzeit bietet der Reiterverein Philippsthal an fünf Tagen in der Woche Reitunterricht in Dressur und Springen für Anfänger und Fortgeschrittene an. Vier vereinseigene Schulpferde stehen dazu zur Verfügung, natürlich nehmen aber auch Pferdebesitzer mit ihren Privatpferden an den Reitstunden teil. Die vereinseigene Reitanlage umfasst neben Ställen, Reithalle, Dressurviereck und Reiterschänke auch befestigte Paddocks und Koppeln. Die Anlage wird von den Mitgliedern in Eigenregie und ausschließlich ehrenamtlich unterhalten.

Zu den regelmäßigen Veranstaltungen zählen ein jährliches WBO-Turnier zum Saisonauftakt (bis Klasse A) sowie die Weihnachtsfeier mit reiterlichem Programm. Hinzu kommen ohne festen Rhythmus wiederkehrende Dressur- und Springlehrgänge, Prüfungen zu Motivations- und Reitabzeichen, Schnupperkurse sowie weitere Feste und Feiern. Zudem beteiligt sich der Verein auch an zahlreichen örtlichen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Kirmesumzug. Derzeit hat der Reiterverein Philippsthal 195 Mitglieder.

Verfasst von Jan-Christoph Eisenberg anlässlich der Feier zum 30-jährigen Bestehen des Reitervereins Philippsthal am 24. September 2011.